Moralentwicklung nach Kohlberg
Das Stufenmodell von Lawrence Kohlberg beschreibt, wie sich das moralische Urteilen im Lauf des Lebens verändert. Entscheidend ist für Kohlberg nicht, wie ein Mensch handelt, sondern womit er sein Urteil begründet: Wer nicht lügt, um keine Strafe zu bekommen, argumentiert auf einer anderen Stufe als jemand, der nicht lügt, weil Vertrauen für ihn einen Wert hat. Kohlberg baute sein Modell auf den Arbeiten von Jean Piaget auf und unterschied drei Ebenen mit je zwei Stufen.
Die drei Ebenen und sechs Stufen
Die Stufen bauen aufeinander auf und werden nach Kohlberg in derselben Reihenfolge durchlaufen – wobei nicht jeder Mensch alle Stufen erreicht. Auf der präkonventionellen Ebene ist der Maßstab die unmittelbare Folge einer Handlung, auf der konventionellen Ebene sind es die Erwartungen anderer, auf der postkonventionellen Ebene sind es Prinzipien, die über geltende Regeln hinausgehen.
- Stufe 1 – Strafe und Gehorsam: Richtig ist, wofür es keinen Ärger gibt. Die Folgen bestimmen das Urteil.
- Stufe 2 – Gegenleistung: Richtig ist, was mir nützt. „Ich leihe dir mein Auto, dafür gibst du mir etwas."
- Stufe 3 – gute Beziehungen: Richtig ist, was die Bezugsgruppe von einem guten Freund, einer guten Tochter erwartet.
- Stufe 4 – Recht und Ordnung: Richtig ist, was Regeln und Gesetze vorgeben, weil sie für alle gelten.
- Stufe 5 – Sozialvertrag: Regeln gelten als vereinbart und dürfen geändert werden, wenn sie ungerecht sind.
- Stufe 6 – universelle Prinzipien: Maßstab sind allgemeingültige ethische Grundsätze wie Menschenwürde und Gerechtigkeit.
Wie Kohlberg zu diesem Modell kam
Kohlberg entwickelte seine Theorie ab 1958 im Rahmen seiner Dissertation. Er legte Kindern und Jugendlichen moralische Dilemmata vor – erdachte Konfliktgeschichten ohne eindeutig richtige Lösung. Am bekanntesten ist das Heinz-Dilemma: Ein Mann kann ein lebensrettendes Medikament für seine todkranke Frau nicht bezahlen und steht vor der Frage, ob er es stehlen darf. Ausgewertet wurde nicht die Antwort, sondern die Begründung. Von Piaget übernahm Kohlberg die Grundidee, dass moralisches Denken feste Stufen durchläuft: Piaget hatte zwei Phasen beschrieben – eine heteronome, in der Regeln von Autoritäten gesetzt und als unveränderlich erlebt werden, und eine autonome, in der Kinder Regeln als vereinbart und aushandelbar begreifen. Kohlberg differenzierte diese Abfolge zu sechs Stufen aus und verfolgte sie bis ins Erwachsenenalter.
Wo Kinder im Kita-Alter stehen
Kinder in Krippe und Kindergarten befinden sich nach diesem Modell auf der präkonventionellen Ebene. Sie beurteilen eine Handlung nach dem, was daraus folgt: Gibt es Streit? Bekomme ich etwas zurück? Werde ich getröstet oder geschimpft? Das ist kein Mangel an Moral, sondern der Entwicklungsstand, der zu diesem Alter gehört.
Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die im Alltag oft untergeht: Moralisches Urteilen und moralisches Empfinden entwickeln sich nicht im Gleichschritt. Schon Zweijährige zeigen Mitgefühl, trösten ein weinendes Kind oder holen Hilfe – ihre Empathie ist der Fähigkeit, das Ganze zu begründen, deutlich voraus. Kinder handeln also häufig „moralischer", als sie es erklären können.
Ein anschauliches Beispiel: Zwei Kinder streiten um eine Schaufel. Auf Stufe 1 gibt das eine nach, weil die Erzieherin sonst schimpft. Auf Stufe 2 tauscht es die Schaufel gegen den Eimer – ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Erst deutlich später kommt der Gedanke hinzu, dass Teilen an sich fair ist, unabhängig davon, was man dafür bekommt. Wer diese Abfolge kennt, bewertet ein Verhalten anders: Ein Kind, das nur unter Aufsicht teilt, ist nicht unehrlich, sondern genau dort, wo es entwicklungsmäßig steht.
Was das für die pädagogische Praxis bedeutet
Aus dem Modell folgt keine Methode, wohl aber eine Haltung: Kinder entwickeln ihr Urteil nicht durch Belehrung, sondern indem sie mit anderen Sichtweisen konfrontiert werden.
- Regeln begründen statt nur aufstellen: „Wir räumen auf, damit niemand stolpert" wirkt anders als „Das macht man so".
- Kinder mitbestimmen lassen: Wer bei Gruppenregeln mitredet, erlebt Regeln als vereinbart. Formate wie die Kinderkonferenz und gelebte Partizipation sind deshalb mehr als Beteiligung – sie sind moralische Bildung.
- Konflikte nicht abkürzen: Der Streit um die Schaufel ist die Gelegenheit, die Perspektive des anderen zu hören. Fachkräfte moderieren, statt zu urteilen.
- Verlässliche Grenzen setzen: Auf der präkonventionellen Ebene brauchen Kinder klare, wiederkehrende Orientierung. Grenzen setzen und Begründen schließen einander nicht aus.
- Nicht überfordern: Von einem Vierjährigen abstrakte Gerechtigkeitsüberlegungen zu erwarten, führt zu Frust auf beiden Seiten.
Wie sich das in konkreten Auseinandersetzungen anfühlt, beschreiben wir im Magazin-Beitrag zu Konflikten in der Kita.
Kritik am Modell
Kohlbergs Stufenmodell ist einflussreich, aber nicht unumstritten. Drei Einwände werden regelmäßig genannt: Erstens beruhten die ursprünglichen Untersuchungen vor allem auf männlichen Befragten. Carol Gilligan hielt dem entgegen, dass Kohlberg Gerechtigkeit zum alleinigen Maßstab mache und eine zweite, ebenso legitime Perspektive übersehe – die der Fürsorge und der Verantwortung für Beziehungen. Zweitens gilt die Abfolge als kulturell nicht neutral: Die höheren Stufen spiegeln westlich-individualistische Wertvorstellungen. Drittens misst das Modell das Urteilen, nicht das Handeln. Wer eine Situation auf hoher Stufe begründen kann, verhält sich deshalb nicht automatisch entsprechend. Die sechste Stufe ließ sich empirisch kaum nachweisen und wird heute meist als theoretischer Grenzfall behandelt.
Werteerziehung bei der Wichtel Akademie München
In der Wichtel Akademie München lernen Kinder Werte nicht über Ermahnungen, sondern über den Alltag: Sie handeln Regeln in der Gruppe mit aus, erleben, dass ihre Stimme zählt, und werden bei Konflikten begleitet statt beurteilt. Erwachsene sind dabei das wichtigste Vorbild – Kinder übernehmen durch Modelllernen, was sie sehen, nicht was ihnen gesagt wird. Wie wir das gestalten, erleben Sie in allen unseren Kinderkrippen und Kindergärten in München.
Moral entsteht nicht durch Regeln, die Kinder befolgen, sondern durch Erfahrungen, die sie verstehen.