Pädagogin Romy Ließner

Wichtel-Küche: Alles ganz entspannt

Wie soll ein Kind lernen wann es satt ist, wenn es ständig seinen Teller leer essen muss?

Romy Ließner ist Gruppenleitung in der Wichtel Akademie Biederstein am Englischen Garten. Neben ihren Aufgaben in der Kinderbetreuung widmet sie sich mit viel Leidenschaft den pädagogischen Standards in puncto Essen und Trinken in der Wichtel Akademie.

Liebe Romy, seit wann bist Du Teil des Wichtel Akademie Teams?

Romy Ließner: „Ich bin seit Juni 2013 an Bord. Seit zwei Jahren kümmere ich mich um das Thema Essen und Trinken und vermittle meinen Kolleginnen und Kollegen unsere Philosophie. Mein Fokus liegt dabei auf den Essenssituationen selbst. Diese sollen angenehm und ungezwungen sein, damit unsere Wichtel-Kinder Spaß am Essen haben und bereit sind, Neues auszuprobieren. Ein „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ gibt es bei uns nicht.

Warum werden Mahlzeiten in der Wichtel Akademie als ‘wichtige pädagogische Aktivitäten‘ bewertet und was bedeutet das?

Romy Ließner: „Das gemeinsam Essen bietet vielfältige Lernmöglichkeiten. Kinder kommen am Tisch zusammen, machen intensive Sinneserfahrungen und entwickeln ihre Sprach- und Sozialkompetenzen sowie ihre Feinmotorik und Selbständigkeit. Das Essen ist also viel mehr als nur Nahrungsaufnahme und es ist bei uns daher ein wichtiger Baustein unserer pädagogischen Aktivitäten.“

Welche Tischregeln gibt es in der Wichtel Akademie?

Romy Ließner: „Wir achten darauf, dass es nicht zu viele Regeln während der Mahlzeiten gibt, um die Kinder nicht zu überfordern. Überforderte Kinder bekommen schnell schlechte Laune. Die Essensituation sollte bei uns vor allem ganz ohne Zwang und Stress ablaufen. Essen bedeutet Genuss, das ist uns sehr wichtig. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir uns als Team auch entspannen müssen. Wir dürfen nicht zu viel Fokus auf ein Kind legen, das zum Beispiel sein Gemüse nicht isst. Wenn wir selbst entspannt sind, kommen und essen die Kinder von alleine und mit Freude. Wenn ein Kind, aus welchem Grund auch immer, mal nicht essen will, muss es auch nicht. Es wird dann gebeten, leise zu spielen, um die anderen nicht zu stören.“

Müssen die Wichtel ihren Teller leer essen?

Romy Ließner: „‘Bevor nicht aufgegessen ist, gibt es keinen Nachtisch!“ Viele kennen diesen Satz. Bei uns ist er tabu. Das hat einen Grund: Die Kleinen dürfen sich bei uns selbst das Essen nehmen. Das fördert die Selbstständigkeit. Sie haben anfangs jedoch noch kein Verständnis für Mengen und können ihr Hunger- und Sättigungsgefühl nicht richtig einschätzen. Bei jüngeren Kindern stehen oft auch Dinge wie das selbständige Schöpfen im Vordergrund oder sie beobachten wie die Erbsen in den Teller kullern und achten dabei nicht auf die Menge. Da ist es normal, dass etwas übrigbleibt. Wir schauen selbstverständlich über die Schulter und stellen sicher, dass nicht zu viel Essen verschwendet wird.

Wichtig ist, dass den Kindern ein gesundes Essverhalten vermittelt wird und dazu gehört auch, ein eigenständiges Hungergefühl zu entwickeln. Wie soll ein Kind lernen, wann es satt ist, wenn es ständig seinen Teller leer essen muss?

Wie werden die Wichtel bei den Mahlzeiten mit einbezogen?

Romy Ließner: „Wir binden unsere Kinder in den kompletten Prozess mit ein. Das beginnt beim Tischdecken, Tischspruch aussuchen, der Entscheidung wieviel sie sich nehmen und geht bis zum Teller abräumen und aufräumen. Auch sprachlich versuchen wir die Kinder einzubeziehen. Bei unseren Mahlzeiten sind ruhige Gespräche sehr erwünscht, dabei kommen die schönsten Erzählungen zustande!“

Gibt es Essen nur zu festen Zeiten? Wie gehen Sie damit um, wenn ein Kind zwischendurch Hunger hat?

Romy Ließner: „Zwischenmahlzeiten gehören ganz klar zum Alltag, wobei wir natürlich auch auf essensfreie Phasen achten. Jüngere Kinder essen meist nicht zu den festen Zeiten, was aber überhaupt kein Problem darstellt. Sie bekommen ihre Milch oder ihren Brei dann, wenn sie Hunger haben. Auch unterwegs haben wir oft Getränke und kleine Snacks dabei.“

Der Küchenchef kreiert in der Küche die leckeren Gerichte – wie unterstützen die pädagogischen Mitarbeiter dann, dass die Kinder neue Gerichte probieren? Was sind Ihre Tricks?

Romy Ließner: „Manchmal kann es schon helfen, wenn man die Mahlzeiten lustig gestaltet und beispielsweise Romanesco als ‘kleine Bäumchen‘ bezeichnet oder wir laut darüber staunen, wie toll die Möhren knacken. Die anderen Kinder können auch helfen und Vorbilder sein. Es ist zum Beispiel von Vorteil, ein probierfreudiges Kind neben Kinder zu setzen, die nicht gerne probieren. Besuche auf dem Markt, gemeinsames Kochen oder auch Projekte zum Thema ‘Was ist gesund? ‘ erweitern das Wissen und Interesse der Kinder an dem Thema Ernährung.

Ganz wichtig ist uns das Probieren. Wir wissen, dass das breite Essensangebot für den kindlichen Gaumen eine große Herausforderung ist. Probieren im kindlichen Sinne heißt dabei nicht nur schmecken, sondern auch anschauen, berühren und riechen. Wenn ein Kind aber klar ausdrückt, dass es etwas nicht probieren möchte, dann akzeptieren wir das.“

Vielen Dank, liebe Romy. Zu guter Letzt: was ist Dein Lieblingsgericht aus der Wichtel-Küche?

Romy Ließner: „Ich mag den Bio-Rinderhack-Gemüsebraten mit Sellerie Kartoffelpüree  sehr gern.“